Podium: Autonomie durch Technologie?

Am Samstag Abend steht wie schon im letzten Jahr eine Podiumsdiskussion auf dem Programm:

Autonomie durch Technologie?

In Zeiten der Explosion technischer Möglichkeiten der Datenverarbeitung setzen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und jeder Einzelne von uns zunehmend auf Algorithmen, die wir selbst nicht zu verstehen vermögen. Sei es, dass der Großteil aller Börsentransaktionen längst automatisch von statten geht, dass Kredite nach probabilistischen Risikoprofilen vergeben werden, dass Katastrophenschutz sich auf die Simulation von Wetterphänomenen stützt oder wir unser Interesse von Google-Suchergebnissen und Amazon-Empfehlungen leiten lassen. Chris Anderson hat gar das “Ende der Theorie” beschworen, die Durchforstung großer Datenmengen nach Unregelmäßigkeiten sei inzwischen mächtiger als der klassische Weg wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung durch Theoriebildung und gezielten Test von Hypothesen.

Während Gesellschaft und Politik dieser Entwicklung weitgehend skeptisch bis hilflos gegenüberstehen, werden Nerds als die Gewinner des Trends gehandelt, die am ehesten noch in der Lage sein sollen, die neuen Tools gezielt für sich einzusetzen und ihre Wirkungsweise zu durchschauen. Im Zuge der jüngsten Enttarnung eines Staatstrojaners durch den Chaos Computer Club findet Frank Schirrmachers Analyse, Gesetze und Werte werden nunmehr nicht länger durch demokratisch legitimierte Institutionen, sondern durch Programmierer gestaltet, großen Anklang. Aber was bedeutet der Gebrauch von Algorithmen, die die Möglichkeiten des menschlichen Geistes überschreiten, für den politischen Liberalismus? Hat die Autonomie des Individuums Platz in der Statistik? Ist der Gebrauch von Software eine Abgabe von Autonomie, führt er, wie David Gelernter warnt, in die intellektuelle Passivität? Oder erweitern wir durch die Technologie einfach unsere intellektuellen Möglichkeiten? Braucht die Piratenbewegung eine neue Technologiekritik?


Die Referenten:

Michael SeemannMichael Seemann:
„Die Rechnung, Technologie gegen die menschliche Willensfreiheit aufzurechnen, geht nicht auf. Was der Technologie zu gute kommt, hebt unsere Selbstbestimmung auf eine neue Ebene.“

 

 

Julia SchrammJulia Schramm:
„Rationalität ist nur ein Teil des menschlichen Lebens und im Vergleich zur Emotionalität weitaus wirkungsloser. Autonomie kann es nicht nur durch Technologie geben. Irrationalitäten auszulöschen, das große Projekt der Aufklärung, ist in der Unterdrückung von Emotionen ausgeartet. Und somit in Unterdrückung von Menschlichkeit.“

 

Julia RedaJulia Reda:
„Der Mensch ist dazu programmiert, durch Technik verursachte Risiken viel stärker zu fürchten als die, die von seinen Mitmenschen ausgehen. Diese Furcht muss man bei der Regulierung von Technik einkalkulieren, darf sich aber nicht von ihr leiten lassen. Ein Verbot, sich von Technik abhängig zu machen – das heißt: sie effektiv zu nutzen – kann nicht freiheitlich sein.“

 

Jörg FriedrichJörg Friedrich:
„Der Siegeszug des Algorithmus begann nicht erst mit dem Internet oder dem Computer, er ist notwendige Folge der Entwicklung des naturwissenschaftlichen Denkens und des technischen Fortschritts. Im Zuge dieser Entwicklung verbreitete sich der Glaube, dass nur das rational wäre, was sich berechnen ließe. Rationalität wird heute im Wesentlichen mit naturwissenschaftlich-mathematischer Logik gleichgesetzt.

Aber das ist eine unzulässige Einschränkung. “Rational” ist alles, was mit einem “also” plausibel gemacht werden kann. Wichtige Teile einer rationalen Entscheidung sind Vertrauen und Erfahrung, ohne diese kommt auch die Rationalität, die sich auf die Wissenschaft beruft, nicht aus. Wir vertrauen wissnschaftlichen Ergebnissen und der Technik, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass diese, im Allgmeinen, funktionieren.

Letztlich kann man aber gar keiner Technik vertrauen, man vertraut eigentlich immer irgendwelchen Menschen, und dieses vertauen basiert auf ganz persönlichen Erfahrungen. Erfahrungen können auch nur Menschen machen, kein Computer hat je selbst einen Politiker gewählt und ist von ihm enttäuscht worden, kein Computer hat sich je auf ein Wettermodell verlassen und ist nass geworden, kein Computer hat je selbst die Bahnverbindung genutzt, die er berechnet hat.

Statt der eigenen Erfahrung oder anderen Menschen einem Algorithmus zu vertrauen wäre nur rational, wenn nahcgewiesen wäre, dass der Algorithmus für das Handeln die besseren Vorschläge machen kann. Aber das kann nicht bewiesen werden, weil Handeln immer die Welt verändert und vom Handeln, von den Entscheidungen anderer abhängt. Und in welchem Sinne, in wessen Interesse ist der Algorithmus “besser” als die intuitive Entscheidung die auf Erfahrung und Vertrauen basiert? Und für welche Art von Handlungen? Viele Fragen, die da offen sind.“

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