Ist der Wahl-O-Mat die Demokratie der Zukunft?

Leider ist eine Referentin kurzfristig ausgefallen, der Vortrag „Walter Benjamin goes digital“ am Sonntag Morgen um 10 Uhr muss deshalb ausfallen. Aber wir haben bereits Ersatz gefunden:

Ist der Wahl-O-Mat die Demokratie der Zukunft?

Jörg FriedrichEs gibt zwei Szenarien, wie das Web die Demokratie verändern kann: Zum einen stellt das Netz uns eine Unmenge von Informationen bereit, Videos von Politikern, Original-Dokumente, Zahlen und Fakten. Wir sind nicht mehr auf die Aussagen der Pressesprecher und Marketingexperten von Parteien angewiesen, wir können uns aus erster Hand informieren. Dieser Weg bringt jedoch das Problem mit sich, dass man in der Flut widersprüchlicher Informationen ertrinkt. Deshalb läuft es darauf hinaus, dass wir die Analyse und Verdichtung der Informationen den Algorithmen der Cloud-Services überlassen – sozusagen dem Watson unter den Wahl-O-Maten.

Der andere Weg ist die Nutzung der „Intelligenz des Schwarms“ – Software bringt die Erfahrungen und persönlichen Ansichten der Vielen zusammen, schafft Meinungsbilder, verdichtet sie zu Entscheidungen. Liquid Democracy ist das Stichwort. Jeder bleibt gleichberechtigter Mit-Entscheider, ob er informiert ist oder nicht, ob er Experte ist oder Laie mit Bauchgefühl.

Beide Szenarien haben ihre Probleme. Beim ersten überlassen wir uns den Entscheidungs-Vorschlägen eines interesselosen Algorithmus, dem das Ergebnis der Wahl „egal“ ist. Einem Menschen, der selbst gar nicht betroffen ist, würden wir niemals wirklich vertrauen, warum sollten wir dann einem System vertrauen, selbst wenn es „intelligent“ wäre? Beim zweiten Szenario vertauen wir dem Schwarm – aber genau genommen ist die Geschichte der Schwarm-Intelligenz gar keine Erfolgs-Story, manchmal erinnert das Ergebnis eher an den Herdentrieb.

Trotzdem präferiere ich den zweiten Weg: Der Wahl-O-Mat stellte das alte Parteiensystem nicht in frage, er stützt es in letzter Konsequenz. Das Parteiensystem basiert auf der Idee, dass Legitimität durch Verfahren entsteht, es ist die Okkupation des Politischen durch das Technische. Der Wahl-O-Mat ist da nur die nächste Stufe.

Liquid Democracy hingegen bricht das Parteiensystem selbst auf. Die Basis der Politik, wie wir sie gewohnt sind, wird erschüttert: Die Notwendigkeit, zuerst in Freund und Feind zu unterscheiden und dann an die Sachfragen zu gehen. Die Mauern der Polis werden eingerissen und eine wirkliche politische Landschaft entsteht. Wohin uns das führt, ist noch unklar, aber immerhin haben wir die „Freiheit, aufzubrechen wohin wir wollen.“


Jörg Friedrich
Jörg Friedrich ist seit 1989, nach einem Studium der Physik und der Meteorologie „Diplom-Meteorologe“ und hat also schon über das Thema „Cloud“ gearbeitet, als es noch nicht mal ein Internet gab. Das Thema seiner Diplomarbeit lautete nämlich „Fraktale Strukturen bei kumulativen Wolkenbildungsprozessen“. Er ist Vater zweier erwachsener Kinder und verdient sein Geld als Unternehmer in der IT-Branche.

Vor ein paar Jahren studierte er Philosophie und deshalb ist er inzwischen Master of Arts in Philosophie, seine Masterarbeit schrieb er über Wissenschaftstheorie. Heute beschäftigen ihn vor allem technikphilosophische Themen des Internet, des Cloud Computing und der Softwarewelt sowie praktische philosophische Fragen im Dreieck Technik-Politik-Wissenschaft.

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One Response to Ist der Wahl-O-Mat die Demokratie der Zukunft?

  1. bopant says:

    der Beitrag beleuchtet den Kern des Dilemmas in Deutschland. Es ist höchste Zeit, die Parteiendiktatur aufzubrechen, denn letztere ist gerade dabei, das Parlament zu entmachten und zur reinen Alibiveranstaltung zu degradieren. Junge Generation helft uns – geht auf die Straßen!!!!

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