Die gesellschaftliche Singularität ist nah

Die gesellschaftliche Singularität ist nah – Thesen über die Anpassung der Gesellschaft an das Computerzeitalter

Die technologischen Grundlagen von Kommunikation haben sich die letzten zwei Jahrzehnte in einem Ausmaß verändert, dass man daraus eine ebenso drastische Veränderung der Gesellschaft hätte erwarten können. Doch eigentümlicher Weise blieben diese Veränderungen – jedenfalls in einer angemessenen Dramatik – aus.

Michael SeemannDie Ereigniswellen, die nun seit diesem Jahr überall auf die Welt hereinbrechen, könnten der vermisste Dammbruch dieser Umwälzung sein. Die Revolutionen in der arabischen Welt, die Exzesse in London, die Proteste in Madrid, Athen, Tel Aviv, Istanbul, das Wutbürgertum in Deutschland sowie die Tea-Party-Bewegung in den USA sind Teil eines allgemeinen, weltweiten Prozesses der Neuordnung von Gesellschaft. Gehen wir nach Crouch dem Zeitalter der „Postdemokratie” entgegen? Vollzieht sich die Umwandlung in die „nächste Gesellschaft”, wie Dirk Baecker sie formuliert?

Die derzeitige Organisation der Gesellschaft – so meine These – bricht ihre bisherige Form auf und sucht eine Organisationsform, die den neuen, viel komplexeren Möglichkeiten ihrer Medien entspricht. Dabei verändert sich das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft derart, dass die bisherigen Politikformen diese nicht mehr zufriedenstellend abbilden können. Es existiert kein Konzept – nicht mal der Vorschlag für ein Konzept – für diese neue notwendige Politikform und es steht in Frage, ob es so etwas überhaupt geben kann. Dennoch gibt es Grund zur Hoffnung, dass dennoch nicht alles im Chaos versinkt. Doch diese Hoffnung stützt sich schon nicht mehr in erster Linie auf den Menschen.


Michael Seemann, geboren 1977, studierte Angewandte Kulturwissenschaft in Lüneburg. Seitdem arbeitet er an seiner Doktorarbeit über philosophische Theorien des Archivs und ist seit 2005 mit verschiedenen Projekten im Internet aktiv. Er gründete twitkrit.de und die Twitterlesung, organisierte verschiedene Veranstaltungen und betreibt den Podcast wir.muessenreden.de. Vor einem Jahr begann er das Blog CTRL-Verlust zuerst bei der FAZ, seit September auf eigene Faust, in dem er über den Verlust der Kontrolle über die Daten im Internet schreibt. Normal bloggt er unter mspr0.de und schreibt unregelmäßig für verschiedene Medien wie RollingStone, ZEIT Online, c’t und das DU Magazin.

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3 Responses to Die gesellschaftliche Singularität ist nah

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